Gasversorgung von Bad Reichenhall

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Die Gasversorgung von Bad Reichenhall wird durch die Stadtwerke Bad Reichenhall betrieben. Dies ist eine Besonderheit unter den gasversorgten Orten im Landkreis, da in den anderen Orten der Ferngasversorger auch die Ortsnetze betreibt.

Geschichte

Altes Gaswerkgelände an der Berchtesgadener Straße

Mit der Errichtung einer gasbetriebenen Straßenbeleuchtung und der damit verbundenen Inbetriebnahme eines privat betriebenen Holzgaswerks ("Gasfabrik") begann am 17. Oktober 1863 die Zeit der Gasversorgung in Bad Reichenhall. Mit Bau und Betrieb wurde zuvor am 11. Juli 1862 der Augsburger Unternehmer Ludwig August Riedinger beauftragt. Das Gas wurde üblicherweise vor Sonnenuntergang bis zum Tagesanbruch geliefert.

Gas- und Stromstreit

Bereits in den 1880er Jahren stiegen jedoch viele Einwohner wegen mangelhafter Gasversorgung wieder auf Petroleum um. Als dann ab 1890 der Fabrikant Konrad Fischer begann, die Stadt durch seine Elektricitäts-Werke Reichenhall mit Strom zu versorgen, wechselten viele Bürger zur elektrischen Beleuchtung. Auch die Stadt erhielt kostenlos Strom für 60 Lampen und ließ langsam zahlreiche öffentliche Beleuchtungen umbauen. Dies hatte zur Folge, dass dem Gaswerk mit der Zeit die Einnahmen wegbrachen.

Da das Gaswerk jedoch nach eigener Ansicht das alleinige Versorgungsrecht der Gebäude und Straßen hatte, forderte der Besitzer am 26. Januar 1894 die Einhaltung des Vertrags von 1862. Als der Magistrat der Stadt den Protest am 28. März zurückwies, begann damit ein 3-jähriger Prozess gegen die Stadt. Das Gaswerk beantragte ein Schiedsgericht am Landgericht Traunstein und bekam am 15. Juni 1895 Recht. Die Stadt wurde verpflichtet, bis zum Vertragsende 1903 weiterhin das Gas für die Straßenbeleuchtung abzunehmen und eine weitere Ausdehnung der Stromversorgung innerhalb des Gasversorgungsgebiets zu unterbinden. Eine Klage auf Zwangsvollstreckung bei der 1. Zivilkammer am Landgericht bestätigte das Schiedsgerichtsurteil. Die Berufung der Stadt wurde vom Oberlandesgericht in München am 10. April 1896 abgewiesen.

Nach dem detaillierten Vollstreckungsbeschluss des Landgerichts vom 21. Dezember 1897 konnte der Gaswerkbetreiber zahlreiche Strombeleuchtungen an Straßen und Gebäuden entfernen lassen oder die Zuleitung durchtrennen, jedoch hatte er laut Gutachten kein Recht auf eine Gesamtversorgung des Stadtgebiets. Die Stadt musste 1.000 Mark für die Vollstreckung bezahlen (plus eventuell weiterer Kosten) und die Kosten des Verfahrens tragen. Bei jeder Wiederinbetriebnahme einer elektrischen Beleuchtung, wurden 150 Mark Geldstraße fällig.

Übernahme

Obwohl das Gaswerk gesiegt hatte, stellte es beide Seiten vor große Probleme:

  • Die Stadt hatte hohe Kosten durch den Prozess und die Einwohner sowie Hotelbesitzer forderten weiterhin Strom.
  • Das Gaswerk hatte bis zum Vertragsende in 5 Jahren noch sichere Einnahmen, ein neuer Vertrag war jedoch so gut wie ausgeschlossen.

Beide Seiten arbeiteten anschließend an einem Vergleich. In diesem Vergleich vom 27. Januar 1898 wurde unter anderem beschlossen, dass der Gaswerkbetreiber auf sämtliche Ansprüche aus dem Prozess verzichtet und die Stadt im Gegenzug das Gaswerk für 207.857 Mark erwirbt (die E-Werke wurden dabei ebenfalls gekauft). Auch der ursprüngliche Vertrag wurde außer Kraft gesetzt. Zusätzlich führt der Besitzer Dr. Trautwein das Werk noch bis zum 1. Oktober und die Stadt darf neue Stromlaternen aufstellen, sofern die Gasbeleuchtung erhalten bleibt.[1]

Modernisierungen

Nach dem Ankauf begannen umfangreiche Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten. Im Zeitraum 1906 bis 1909 wurde von Holz auf Steinkohle umgestellt und im Mai 1928 kam ein 1.000m³ Gasbehälter dazu.

Der Gasbehälter wurde 1954 auf den doppelten Inhalt von 2.000m³ ausgebaut und zeitgleich zwei Vertikal-Kaminöfen mit einer Tagesleistung von 7.500m³ installiert. Am 8. Oktober 1956 kam zur Speicherung ein Hochdruckbehälter an der heutigen Erdgasübergabestation an der Loferer Straße hinzu. 1962 wurde eine Flüssiggasspaltanlage mit einer Tagesleistung von 10.000m³ bei einem Brennwert von 5kWh/m³ gebaut und 1977 eine Flüssiggasluftmischanlage mit einer stündlichen Leistung von 3.000m³ bei einem Brennwert von 7,5kWh/m³.

Hochdruck & Ferngas

Erdgasübergabestation

Von 1977 bis 1981 wurde eine grob ringförmige Hochdruckleitung mit einem Nenndruck von 16 Bar im mittleren Stadtgebiet verlegt um das Gas effizienter zu verteilen. Zeitgleich kam in das Gebäude an der Loferer Straße eine dreischienige Erdgasübernahmeanlage (auch "Erdgasübergabestation" genannt). Ebenfalls in dieser Zeit verlegte die Energie Südbayern GmbH von März bis August 1980 die Anschlussleitung von der Ferngasleitung zur Übergabestation. Die neue Anlage ging am 15. September 1980 in Betrieb und wurde am 17. September feierlich eröffnet.[2] Wenig später wurde das Gaswerk stillgelegt und 1999 schließlich abgerissen.

Gegenwart

Im Jahr 2015 ließen die Stadtwerke den Hochdruckring an zwei Stellen erneuern. Ende 2015 wurden an den Gasdruckregelstationen Fangstangen als Blitzableiter errichtet.

Zum April 2016 wurde die öffentliche Erdgastankstelle geschlossen, da der Pachtvertrag auslief und die Zapfsäule sanierungsbedürftig war.

Die Stadtwerke ließ das Netz im Frühjahr 2017 von Marzoll über die Untersbergstraße und die Rainthalstraße bis nach Schwarzbach zum Freibad erweitern. Ein Ausbau in die Seitenstraßen ist in der Leitung bereits vorbereitet. Im Frühjahr 2018 kam der weitere Ausbau der Rainthalstraße und Am Goring.

Betrieb

Verteilung

Die Stadt ist an das Ferngasnetz der Energie Südbayern GmbH angeschlossen, das in der Marzoller Au durch Bad Reichenhall verläuft. Von der Ferngasleitung zweigt in der Au eine Leitung mit einer Nennweite von DN 150 und einem Druck von 70 Bar ab und führt durch Waldgebiet entlang der Saalach sowie dem Dammweg bis zur Erdgasübergabestation an der Loferer Straße.

Dort erfolgt eine Speicherung in drei großen Tanks und die Aufbereitung in der dreischienigen Erdgasübernahmestation. Anschließend wird das Gas in den 16 Bar-Hochdruckring eingespeist. Er hat samt Abzweigungen eine Gesamtlänge von 8,47 Kilometer[3].

Das Hochdrucknetz führt von der Übergabestation an der Saalach entlang zum Nonner Steg; dort zweigt eine kleinere Leitung zu den Stationen an der Nonner Straße ab. Weiter geht der Ring über die Kurfürstenstraße zur Kurstraße, Salzburger Straße und Frühlingstraße wieder zur Übergabestation. An der Gedenkstätte Eislaufhalle befindet sich noch ein stillgelegter Abzweig, der früher zur Eislauf- und Schwimmhalle führte. Er wird z.B. noch zur Leitungsentleerung genutzt.

Vom Ring erfolgt die Verteilung auf 12 Gasdruckregelstationen. Von den Stationen wird das Erdgas in das Niederdrucknetz gespeist und auf die Häuser verteilt.

Versorgungsgebiet

Das Versorgungsgebiet umfasst das gesamte innere Stadtgebiet, sowie den ganzen Ortsteil St. Zeno. Von den westlichen Ortsteilen sind Kirchberg und Karlstein komplett, bis auf die höher gelegenen Anwesen, ans Netz angeschlossen.

Im Gebiet der ehemaligen Gemeinde Marzoll sind etwa halb Weißbach und in Marzoll die Grenzlandstraße und die Römerstraße mit dem Schloßberg angebunden. Nach einer Verlängerung bis zum Freibad, liegt nun auch in einem Teil der Untersbergstraße und der Rainthalstraße eine Gasleitung.

Sonstiges

Die meisten Busse der Stadtwerke fahren mit Erdgas. Der Erste ging 1997 in Betrieb.

Der Freistaat Bayern ernannte die Stadt zur Erdgasmodellstadt.[4]

Einzelnachweise

  1. Toni Schmidberger: Das erste Wechselstrom-Kraftwerk in Deutschland. 1990, S. 89-98
  2. Festschrift 150 Jahre Gasversorgung
  3. Aushang beim Tag der offenen Tür
  4. https://www.stadt-bad-reichenhall.de/natur-umwelt