Winkl

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Winkl
BSW-Winkl.JPG
Ort Bischofswiesen
Koordinaten

47°40′12″N 12°56′38″E

Siedlungsform Gnotschaft
Gründung vor 1125/1136
Einwohner 1228(Stand:~2014)
Höhe 647 m (NHN)
Postleitzahl 83483
Vorwahl 08652; 08651 (Hallthurm)
Versorgung
Gas Ja
Internet zwischen <1MBit und >30MBit
Strom Ja
Wasser Ja

Winkl bezeichnet die nördlichste Gnotschaft (Ortsteil) der Gemeinde Bischofswiesen. Das Gebiet ist mit dem Pass Hallthurm einer der wichtigsten Zugänge ins ursprüngliche „Berchtesgadener Land“.

Lage

Winkl liegt im nördlichen Gemeindegebiet von Bischofswiesen an der Grenze zu Bayerisch Gmain und erstreckt sich zwischen den Gebirgen Untersberg und Lattengebirge auf eine Länge von ca. 5 Kilometer von Hallthurm bis über die Siedlung Winkl in Richtung Ortszentrum.

Name

Der Name leitet sich von der Lage des Ortsteils ab. Er liegt im Winkel zwischen den Gebirgen Untersberg und Lattengebirge.[1]

Geschichte

Greinswiesen oder Gruniswiesen mit dem Panorama Park rechts

Eine Schenkung des Grafengeschlechts der Chadeloher um 1125 oder 1136[2], war eine der ersten urkundlichen Erwähnungen einer Besiedelung im Gebiet der heutigen Gemeinde Bischofswiesen. Die Chadeloher hatten einen Adelssitz auf der Gruniswiesen/Greinswiesen (=Grüne Wiese, Wurzel fassen[3]) und schenkten diesen der Fürstpropstei Berchtesgaden. Die Wiese liegt im Bereich des Greinswiesenwegs und ist heute teilweise verbaut.

Aus dem Schenkungsbuch:[3]

„Es möge bekanntgegeben werden, sowohl den Kommenden als auch den gegenwärtig Lebenden, daß ein Gewisser namens Chadeloh aus Hall mit zweier seiner Sohne eine Wiese, die Gruniswiesen genannt, den in Berchtesgaden lebenden Betbrüdern unter der Bedingung übergeben hat, daß, wenn einer seiner Erben den Vertrag lösen sollte, den vorher benannten Brüdern 10 marcas zahlen muß. Obendrein übergab dieser Chadeloh mit seinen Söhnen diese Wiese am Altar des hl. Johannes des Täufers und des hl. Petrus in Berchtesgaden als Seelengerät für das Heil der Vorgenannten.“

1193 drangen Reichenhaller Salzarbeiter über den Pass Hallthurm ein und zerstörten die Salzanlagen in Tuval (Schellenberg). Daraufhin bauten die Berchtesgadener 1194 den Hallthurm um sich vor weiteren Angriffen zu schützen.[4]

Mit der Gemeindegründung 1817 wurde aus der Urgnotschaft Bischofswiesen die Gemeinde Bischofswiesen und aus dem 5. Gnotschafterbezirk die Gnotschaft Winkl.[5]

Zweiter Weltkrieg / Siedlung Winkl

Die Siedlung Winkl entstand in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs als Wehrmachtsbaracken für das Oberkommando der Wehrmacht. Die Wahl fiel auf Winkl, da in der Nähe bereits der von der Wehrmacht genutzte Obersalzberg und die Kleine Reichtskanzlei in Stanggaß waren. Erste Arbeiten dazu begannen wahrscheinlich bereits 1936 als die Wehrmacht die Ruppen-Quelle fassen ließ. Als der Krieg immer stärker wurde, baute der Reichsarbeitsdient und die Bautruppe „Organisation Todt“ 1944 30 Baracken in den Fichtenwald. Dies geschah fast ohne Abholzungen, da die Baracken somit für die Alliierten aus der Luft und von den Straßen nur schwer erkennbar waren. Auch eine sichtbare Bewachung fehlte. Die Baracken wurden dann für bauliche Planungen und Vernebelungen bei möglichen Angriffen genutzt. Weiter entstanden 1944 gegenüber der Baracken am Finsterstein noch Sprengarbeiten für Luftschutzbunker.[6]

Zu kriegerischen Handlungen kam es im Berchtesgadener Talkessel nicht mehr, da der damalige Landrat Theodor Jacob mit dem späteren Landrat Dr. Rudolf Müller den Landkreis Berchtesgaden am 4. Mai 1945 beim Bahnübergang Winkl kampflos an die Alliierten übergaben.[7]

Nachkriegszeit

Siedlung Winkl

Kurz nach dem endgültigen Kriegsende am 8. Mai 1945 begannen die US-Truppen am 10. Mai mit der Umwandlung des Lagers in ein Gefängnis. Dazu errichteten sie (elektrische) Zäune und Wachtürme um das Lager herum und ließen die Bäume fällen. In den Baracken waren dann Soldaten der Wehrmacht, Führungsoffiziere und Mitglieder von SS und NSDAP inhaftiert. Die Insassen kamen Anfang Juni 1946 in andere Gefängnisse und die Amerikaner lösten das Lager auf.

Ab dem 14. Juni 1946 zogen Flüchtlinge und Heimatvertriebene in die nun völlig leergeräumten Baracken, deren Kapazität auf ca. 2.000 Personen geschätzt wurde. Außerdem wurde das Lager als Dauerlager eingestuft. In den Folgejahren wuchs das Lager um Steinbaracken und in mehrere Baracken kamen Gewerbebetriebe, eine Schule, Feuerwehr und anderes.[8]

Von 1951 bis 1952 errichtete Hans Thierfelder auf der nahen Gruniswiesen die Fabrik ARWA (benannt nach seinem Großvater August Robert Wieland aus Auerbach) für Feinstrumpfhosen, was der Region und vor allem dem Lager viele Arbeitsplätze brachte und für einen erheblichen Wirtschaftsaufschwung sorgte. Die für Besucher offene „gläserne Fabrik“ zog auch viele Touristen in die Region. Thierfelder hatte bereits eine Strumpffabrik in Württemberg.[9]

1952 lebten 1.212 Personen im Lager, womit es das zweitgrößte in Bayern war. Bis 1954 hatte sich die Zahl durch einen starken Wohnungsbau im Rahmen der Lagerauflösung und Wegzüge halbiert. Das bereits 1953 gestartete Lagerauflösungsprogramm begann ab 1955 auch im Lager Winkl verstärkt. Zum 1. April wurde das Lager nach Bischofswiesen eingemeindet. Am 3. Dezember 1955 setzte der bayerische Ministerpräsident Dr. Wilhelm Hoegner im Lager den Spatenstich für neue Wohnungsbauten und damit für das Ende des Lagers. Neubauten entstanden auch u.a. am Böcklweiher. Nach der Errichtung weiterer 22 Wohnungen in den Jahren 1957-1958 und dem Abriss der Baracken war das Lager Winkl endgültig Geschichte. Seitdem existiert nur noch die Siedlung Winkl.[10]

Kurz vor der Auflösung gab es 1955 in Bischofswiesen 7.258 Einwohner, wovon 2.082 Heimatvertriebene und 1.443 Flüchtlinge und Ausländer waren.[11]

Ab Ende der 1950er Jahre fing langsam der Ausbau der Infrastruktur an. 1957 bekam die Siedlung einen Abwasserkanal, 1962 wurden die Straßen ausgebaut und von 1971 bis 1972 schloss die Gemeinde den Ortsteil bis Hallthurm an die gemeindliche Wasserversorgung an.[12]

Im Jahr 1971 verkaufte Thierfelder die Fabrik wegen zu starker Konkurrenz an einen Konkurrenten, der die Fabrik dann 1973 schloss. In der leeren Halle eröffnete im Juli 1974 das Einkaufszentrum Panorama Park (anfangs als Sempt-Großmarkt GmbH).[9]

Gegenwart

Seit 1995 gibt es in der Siedlung einen Kindergarten etwas oberhalb der Pfarrkirche.

In den letzten Jahren wuchs der Ortsteil vor allem im Gewerbebereich stark. Kurz nach der Jahrtausendwende entstand das Gewerbegebiete Pfaffenfeld I. Der Erweiterungsbau Pfaffenfeld II ist seit 2017 intensiv im Gange.

Derzeit (2018) entstehen neue Wohnblöcke in der Siedlung.

Infrastruktur

Winkl ist der wichtigste Zugang zum südlichen Landkreis für vielerlei Infrastruktur wie Straßen, Eisenbahn und Leitungen (z.B. Telefon und Ferngas).

Verkehr

Den ganzen Ortsteil durchzieht grob von Nord nach Süd die Bundesstraße 20, die auch die wichtigste Verbindung innerhalb von WInkl darstellt.

An der Bundesstraße liegen innerhalb des Ortsteils die Bushaltestellen Bischofswiesen Siedlung, Bischofswiesen Panorama Park, Winkl Sellboden, Winkl Zollhäuser und Hallthurm Bahnhof. Alle werden vom RVO-Bus der Linie 841 (Bad Reichenhall–Königssee) und seit 2016 auch vom Rufbus Berchtesgaden angefahren.

Eisenbahn

Früherer Bahnhaltepunkt Winkl

An der seit 1888 bestehenden Bahnstrecke Freilassing–Berchtesgaden gab es im Ortsteil zwei Bahnhöfe. Der Bahnhaltepunkt Winkl ist 1991 komplett aufgelöst worden und der Hallthurmer Bahnhof ist nur noch für Zugkreuzungen in Betrieb. Vor allem um den Winkler Haltepunkt gab es in der Nachkriegszeit öfter Streit, der dann später mit einer Buslinie beigelegt wurde.

Ein neuer Bahnhaltepunkt Bischofswiesen-Winkl bei der Siedlung ist derzeit in Planung und soll in den nächsten Jahren gebaut werden.

Im Ortsteil befinden sich die meisten nur schwach gesicherten Bahnübergänge der ganzen Bahnstrecke. Dadurch entstehen viele Langsamfahrtstrecken mit besonderen Vorsichtsmaßnahmen wie Pfeifen. Die Bahn ist derzeit darum bemüht, die gefährlichen Übergänge aufzulösen oder zu verbessern um die Qualität der Bahnstrecke zu verbessern. Eine der ersten Auflösungen geschah bereits 2017 beim Bahnübergang Haus Untersberg (Hallthurm Moos).

Versorgung & Entsorgung

Schalthaus Winkl

Für die Stromversorgung steht an der Straße Klausgraben das Schalthaus Winkl. Von Bayerisch Gmain kommt außerdem eine Mittelspannungsleitung den Hallthurmer Berg hinauf.

Auch das Ferngasnetz der Energie Südbayern GmbH für den südlichen Landkreis wird über Winkl geführt. Der Ortsteil ist mit drei Gasdruckregelstationen (Hallthurm, Panorama Park und Schneckenmühlweg) an das Netz angeschlossen.

Die Breitbandversorgung ist in Winkl sehr unterschiedlich. Während in der Siedlung Winkl fast überall >30 MBit zur Verfügung stehen, sind es in den weniger dicht besiedelten Gebieten oft unter 15 MBit.[13] Ein Ausbau ist geplant.

Deponie

Deponie Bischofswiesen-Winkl

Der Landkreis übernahm im Jahr 1977 den Müllplatz Winkl und baute ihn zur Deponie Bischofswiesen-Winkl aus. Inzwischen lagern dort über 500.000m³ Abfall. Das anfallende Gas wird kontrolliert verbrannt und das Sickerwasser nach Überprüfung in die Kanalisation geleitet.[14] Sie dient zusätzlich auch als Wertstoffhof von Bischofswiesen.

Gewerbe

An Gewerbe gibt es neben mehreren Kleinbetrieben den überregional bekannten Großmarkt Panorama Park und daneben einen Supermarkt. Heimische mittelständische Betriebe sind vor allem in den neueren Gewerbegebieten Pfaffenfeld I und II angesiedelt.

Religion

Die Pfarrkirche St. Johann-Nepomuk entstand von 1961 bis 1963 aufgrund des starken Bevölkerungszuwachses in den Jahrzehnten zuvor durch die Flüchtlingsbaracken und Ansiedlungen. An der Mauer beim Kirchenplatz befindet sich das Mahnmal der Heimatverwiesenen der sudetendeutschen Bevölkerung. Es entstand 1949 an der Bundesstraße und wurde nach der Fertigstellung der Pfarrkirche im Jahr 1963 im November des gleichen Jahres dorthin verlegt.

In Hallthurm steht die denkmalgeschützte Hallthurmer Kapelle, die jedoch seit ein paar Jahren versperrt ist.

Die Jehovas Zeugen haben im Gewerbegebiet Pfaffenfeld I ihr Versammlungsgebäude.

Natur

Winkl besitzt reichhaltige Natur und hat neben einigen bebauten Flächen auch einen ländlichen Charakter. Die meisten Berghänge sind bis ins Tal bewaldet; größere Wiesen finden sich in der Nähe bewohnter Gebiete. Die Wiesen werden oft auch Landwirtschaftlich genutzt.

Durch die Lage zwischen zwei Gebirgen gibt es von beiden Seiten zahlreiche Bäche und Gräben die im Tal alle der Bischofswiesener Ache zufließen. Der Wasserreichtum sorgt jedoch auch für eine Hochwassergefahr. Fast alle Bäche sind als Wildbäche eingestuft, weshalb dort mit besonderen Naturgefahren gerechnet werden muss. Bei längeren Starkregenfällen wird z.B. oft das Hallthurmer Moos überschwemmt.

Es gibt mehrere Naturdenkmäler wie die Schlucht mit Wasserfall am Finsterstein oder die markante Felsform Steinerne Agnes, die zu den bedeutendsten Geotopen Deutschlands und den schönsten Geotopen Bayerns gehört. Eine weitere besondere Formation bilden die Rotofentürme, die eine Schlafende Hexe darstellen sollen.

Steinbrüche Aschauer (links) und Heitauer (rechts)

In den zwei Steinbrüchen Heitauer und Aschauer/Unterklapflehen werden Kalkstein und Kies abgebaut. Frühere Steinbrüche waren beim Klapflehen und am Bichlberg (heute die Deponie).

Wanderwege

Winkl, vor allem Hallthurm, ist der Ausgangspunkt zahlreicher Wanderwege in die umliegenden Berge. Von Hallthurm führt außerdem am Waldrand der Maximiliansreitweg zum Aschauerweiher.

Literatur

  • Gerhard Bilek-Sedlmeir: 50 Jahre Siedlung Winkl. Selbstverlag, 1996.

Einzelnachweise

  1. Thomas Inderst, Helmut Schonert: Geschichte der Gemeinde Bischofswiesen. 2005, S. 66.
  2. Geschichte von Berchtesgaden. Band I: Zwischen Salzburg und Bayern (bis 1594). 1991, S. 382
  3. 3,0 3,1 Andreas Fendt: Bischofswiesen im Berchtesgadener Land. 1955, S. 12f.
  4. Andreas Fendt: Bischofswiesen im Berchtesgadener Land. 1955, S. 16.
  5. Dieter Albrecht: Historischer Atlas von Bayern. Altbayern Reihe I Heft 7: Fürstpropstei Berchtesgaden. 1954, S. 24 & 34.
  6. Gerhard Bilek-Sedlmeir: 50 Jahre Siedlung Winkl. Selbstverlag, 1996, S. 78 & 98.
  7. Fritz Hofmann: Die Schreckensjahre von Bad Reichenhall., S. 138.
  8. Gerhard Bilek-Sedlmeir: 50 Jahre Siedlung Winkl. Selbstverlag, 1996, S. 233ff & 114-119.
  9. 9,0 9,1 Informationsschild zur ARWA am Panorama Park
  10. Gerhard Bilek-Sedlmeir: 50 Jahre Siedlung Winkl. Selbstverlag, 1996, S. 303-308.
  11. Andreas Fendt: Bischofswiesen im Berchtesgadener Land. 1955, S. 19.
  12. Thomas Inderst, Helmut Schonert: Geschichte der Gemeinde Bischofswiesen. 2005, S. S.212 & 224f.
  13. Bestandsaufnahme für den Breitbandausbau
  14. https://www.lra-bgl.de/lw/umwelt-natur/abfall/entsorgungsanlagen/abfalldeponien/